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Eurom.at Auswertung – Wohin soll die Reise gehen?

Seit einigen Monaten schiebe ich dieses Projekt jetzt schon vor mir her. Bisher hat mir immer die Expertise für eine solche Analyse gefehlt, aber nun konnte ich mich durch einen Zufall auf dem Gebiet des maschinellen Lernens fortbilden und ein paar Tipps eines guten Freundes sorgten für zusätzlichen Durchblick. Ein kleiner Disclaimer noch vornweg: Ich habe diese Auswertung aus privatem Interesse gemacht und erhebe, trotz intensiver Arbeit, keinerlei Anspruch auf Korrektheit. Ich habe das aus Spaß gemacht und nicht um zu promovieren. 😉 Falls du Fehler finden solltest, melde dich gerne bei mir und ich überarbeite meine Auswertung!

Brexit, Trump, die Wahlen in Frankreich und den Niederlanden im letzten Jahr haben mich nicht nur parteipolitisch aktiv werden lassen, sie haben mich auch zur JEF geführt. Für alle die, die JEF nicht kennen:

Die Jungen Europäischen Föderalisten Sachsen sind ein unabhängiger, politischer und überparteilich organisierter Jungendverband. Uns liegt Europa am Herzen und deshalb fördern wir mit all unseren Kräften die europäische Idee. Europa ist unsere Zukunft – darum wollen wir sie gestalten. Wir sind ein Landesverband der JEF Deutschland – der deutsche Ableger der Young European Federalists (JEF Europe). (Quelle: https://jef-sachsen.de/ueber-uns/)

In der JEF realisieren wir immer wieder verschiedene Projekte, um uns für Europa zu engagieren und eines davon ist der Eurom.at, welcher anlässlich der Bundestagswahl 2017 durchgeführt wurde (- bei der ja anstelle von Zukunftsthemen wie der Ever-Closer-Union das Thema Migration im Vordergrund stand). Die Funktionsweise des Eurom.at ist ähnlich der des Wahl-o-Mat von der Bundeszentrale für politische Bildung. Die Benutzer *innen beantworten eine Reihe von Thesen mit „Zustimmung“, „Ablehnung“ oder „Enthaltung“ und haben auch die Möglichkeit Thesen zu überspringen. Zusätzlich können einzelne Thesen noch als besonders relevant markiert werden. (Bevor du jetzt weiterliest, mach doch gleich den Test, um den Eurom.at selbst kennenzulernen!) Die Thesen des Eurom.at beziehen sich ausschließlich auf die europapolitisch markanten Teile der Bundestagswahlprogramme und lassen andere Themen wie Familie oder Verbraucherschutz außen vor. Wir haben in mehreren Runden einen Thesenkatalog von ca. 40 Thesen erarbeitet und diese als sogenannte Wahlprüfsteine an die größeren deutschen Parteien geschickt: FDP (Landesverband Sachsen), Piratenpartei Deutschland, SPD, CDU, AfD, Partei Mensch Umwelt Tierschutz, Die LINKE, NPD, Ökologisch-Demokratische Partei, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Freie Wähler, Die PARTEI. Aus diesen rund 40 Thesen haben wir 17 aus den Bereichen Verteidigung, Demokratie, Soziales, Wirtschaft, Außenpolitik & Finanzen für unseren Eurom.at ausgewählt (getreu dem Motto: 17 Thesen zur #BTW17). Außerdem haben wir in diesem Zusammenhang auch die Wahlprogramme der größeren Parteien (SPD, CDU, FDP, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Die LINKE, AfD) hinsichtlich der Themen Außenpolitik, Wirtschaft und Währung, Klima und Umwelt, Verbraucher­schutz und Land­wirtschaft, Sozialpolitik und Verkehr analysiert und verglichen. Wer weitere Infos rund um den Eurom.at erhalten möchte, kann sich bei Detektor.fm ein Interview mit unserer Landesvorsitzenden Maria-Teresa Rölke anhören.

Einen Hinweise möchte ich an dieser Stelle aber noch loswerden: Wir haben diese Aktion ins Leben gerufen, um Bürger*innen eine Informationsmöglichkeit zur bevorstehenden Bundestagswahl zu geben und nicht um eine wissenschaftliche Untersuchung durchzuführen. Eventuell kann man das ja beim nächsten Mal machen 😉. Ich hab gehört, 2019 sei eine Europawahl… Die Ansprache der Nutzer*innen erfolgte jedenfalls so: Zielgruppe waren Personen im Alter von 18-35 Jahre, die wohnhaft in Deutschland sind. Insgesamt wurden über fünf Tage verteilt 20.356 Personen via Facebook über unsere Werbung erreicht. Davon waren 15-25% Frauen und 75-85 % Männer. Hinzu kommt noch die Werbung über Freunde und den Bundesverband und andere Landesverbände der JEF.

Die Methodik meiner Analyse beruht auf einfachen statistischen Analysen, wie z.B. einer Häufigkeitszählung, aber auch auf einer etwas komplizierteren Methode, nämlich dem K-Means Clustering. Dabei wird aus einer Menge von ähnlichen Objekten – das sind hier die Antworten der Parteien und der Eurom.at-Teilnehmner*innen – eine (vorher festzulegende) Anzahl von Gruppen gebildet. Der Algorithmus versucht dann Gruppen zu finden, die eine möglichst geringe Varianz untereinander aufweisen, umgangssprachlich also Leute oder Parteien, die ähnliche Interessen haben. Ich werde das später noch einmal am Beispiel verdeutlichen. Auf eine inhaltliche/qualitative Analyse der Antworten der Parteien habe ich an dieser Stelle aus Zeitgründen verzichtet (falls du Lust hast, das zu übernehmen, melde dich einfach bei mir!). Eine inhaltliche Analyse der Antworten der Teilnehmer*innen halte ich für nicht möglich (es fehlen demografische Angaben), aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Alle Daten werden von mir beziehungsweise der JEF unter CC-BY-SA Lizenz zur Verfügung gestellt.

Bevor wir uns jetzt knietief in die Auswertung begeben, möchte ich gern kurz alle Thesen vorstellen. Für jede dieser Fragen habe ich eine kleine visuelle Auswertungsseite gebaut. Auf diesen Seiten findest du eine Übersicht über die Antwort der Parteien (auch mit Kommentar zu den einzelnen Fragen) und Teilnehmer*innen in Form eines Kuchendiagramm:

  1. Die EU soll den Euro als gemeinschaftliche Einheitswährung behalten.
  2. Die EU braucht eine parlamentarisch verantwortliche Regierung.
  3. Die Europäische Union braucht eine europäische Verfassung.
  4. Die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik muss mit der Gemeinschaftsmethode umgesetzt werden.
  5. Die EU braucht eine eigene Armee.
  6. Frontex muss zu einer europäischen Grenzschutzeinheit mit eigener Handlungsbefugnis ausgebaut werden.
  7. Die EU braucht eine gemeinsame Wirtschaftsregierung für die Eurozone.
  8. Der Europäische Rat soll in Zukunft öffentlich tagen.
  9. Die EU soll einen EU-weiten Mindestlohn einführen, der vom Durchschnittseinkommen im jeweiligen Mitgliedsstaat abhängt.
  10. Die EU soll neue Mitgliedsstaaten aufnehmen.
  11. Die EU soll die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei beenden.
  12. Die EU soll sich langfristig zu einem europäischen Bundessstaat entwickeln.
  13. Die EU soll keine Banken mit Steuergeldern retten.
  14. Griechenland soll ein Teil seiner Schulden erlassen werden.
  15. Die EU soll eine gemeinsame Arbeitslosenversicherung einführen.
  16. Die EU soll europäische Gemeinschaftsanleihen (Euro-Bonds) einführen.
  17. Für die Wahl des Europaparlaments braucht es ein einheitliches europäisches Wahlrecht, welches transnationale Listen ermöglicht.

So, jetzt geht’s los. Angefangen habe ich mit der Analyse der Antworten der Parteien. Natürlich interessieren mich die eigentlichen Antworten (in aller Offenheit, der Eurom.at hat mir natürlich gesagt, ich solle die Grünen wählen 😉) der Parteien, aber ich finde es auch spannend, das gesamte Parteienspektrum untereinander zu vergleichen. Da der Clustering-Algorithmus unbedingt vorher wissen will, wie viele Gruppen er finden soll, ich aber nicht wirklich weiß, in wie viele Gruppen ich das von uns untersuchte Parteiensprektrum aufteilen soll, habe ich einfach mal nach zwei, drei und vier Clustern gesucht. In den nächsten drei Bildern siehts du also, wie Parteien gruppiert werden würden, wenn du sie anhand ihrer Antworten in entweder zwei, drei oder vier Gruppen einteilen müsstest. Übrigens, der Algorithmus basiert nicht auf Wahrscheinlichkeiten und liefert bei jedem Durchlauf dasselbe Ergebnis. Außerdem müssen die Cluster/Gruppen auch nicht die gleiche Größe haben.

Gruppierung der Parteien für den Fall das zwei Cluster gesucht werden

Gruppierung der Parteien für den Fall das drei Cluster gesucht werden

Gruppierung der Parteien für den Fall das vier Cluster gesucht werden

Die drei Bilder/Experimente lassen schon einige interessante Beobachtungen zu. Bestimmte Parteien befinden sich zum Beispiel immer im selben Cluster:

  • Bündnis 90/Die Grünen und Die LINKE
  • AfD und NPD
  • Piraten, PMUT, SPD, ÖPD
  • CDU und Die Partei
  • Erst bei 4 Clustern trennt sich die CDU, FDP und Die Partei vom AfD/NPD Cluster

Eine andere Ansicht auf das gleiche Problem bietet das folgende Diagramm:

Hier kann man für die einzelnen Parteien sehr deutlich wahrnehmen, mit wem Sie gleich abstimmen. Auch hier wird wieder die inhaltliche Nähe zwischen AfD und NPD deutlich. Interessant finde ich auch, dass die FDP mit nur sechs Übereinstimmungen von der Linken genauso weit weg ist wie von der CDU und den Grünen. Die CDU im Allgemeinen hat die kleinste Überschneidung mit allen anderen Parteien. Wenn man sich die einzelnen Ergebnisse der CDU dann ansieht, fällt auf, dass sie sich mit 7 Enthaltungen (41 % der Fragen) eher zurückhaltend positioniert:

Insgesamt würde ich behaupten, dass der Versuch mit den vier Clustern der Realität am nächsten kommt. Es gibt mit den Grünen und den Linken ein klares Links und mit der AfD und der NPD ein klares Rechts. Außerdem bildet sich mit SPD, ÖDP, Piraten und PMUT ein linkes und mit CDU, FDP, FW und Die Partei (das wundert mich etwas) ein rechtes Zentrum. Einen klaren Überblick darüber, inwiefern Europa für die einzelnen Parteien eine Rolle im Wahlkampf spielte, gibt das folgende Diagramm:

Die gleiche Analyse kann man nun auch mit den Antworten der Teilnehmer*innen machen. Aber auch hier tritt wieder das Problem auf, dass wir gar nicht wissen, wie viele Cluster es gibt. In meinen Auswertungen bin ich von zwei beziehungsweise drei Clustern ausgegangen. In beiden Fällen gehen wir von einer Teilnehmerzahl von insgesamt 2485 Personen aus. Dabei ergeben sich im ersten Fall drei Cluster mit jeweils 420, 1427 und 638 und im zweiten Fall zwei Cluster mit 811 und 1674 Personen. Im Übrigen habe ich hier die übersprungenen Fragen als Enthaltung gewertet und auch die möglichen Doppelbewertungen („Ist mir besonders wichtig“) nicht berücksichtigt. Das heißt also, dass, genauso wie bei den Parteien, eine Zustimmung in meinem Modell als 0, eine Enthaltung mit 0,5 und eine Ablehnung mit 1 bewertet wird. Daraus ergeben sich jetzt sogenannte Clustermittelpunkte für die jeweiligen Thesen. Die in den Tabellen dargestellten fünf Farben dienen ausschließlich zur visuell einfacheren Gruppierung und entsprechen dann den Intervallen 0 – 0,2 | 0,2 – 0,4 | 0,4 – 0,6 | 0,6 – 0,8 und 0,8 – 1. Im Grunde könnte man auch Fotos von den knapp zweieinhalbtausend Menschen hier anzeigen, nur wäre das wenig sinnvoll und datenschutzmäßig sicher fragwürdig 😉. Um die Ergebnisse besser zu verstehen, zeige ich es jetzt noch mal an einem Beispiel. Bei der These „Die EU braucht eine eigene Armee“ ergeben sich die Mittelpunkte 0,7798, 0,3143 und 0,1497 für die Cluster 1, 2 und 3. Demzufolge hat also Cluster 1 eher eine ablehnende Haltung, Cluster zwei tendiert zur Enthaltung, ist aber eher zustimmend und Cluster 3 sehr zustimmend.

Wenn man das Prinzip verstanden hat, dann kann man, unter anderem (ich bin sicher, darüber könnte man eine wissenschaftliche Arbeit verfassen) folgende Fakten aus der Analyse ableiten:

  • Cluster 1 würde ich als EU-Skeptiker bezeichnen, da sie, bis auf die Türkeifrage, keine deutliche Zustimmung erkennen lässt (alle Fragen bis auf diese sind so gestellt, dass eine Zustimmung mehr Europa bedeutet). Der Durchschnitt der Antworten liegt bei 0,5.
  • Cluster 2 würde ich als EU-Befürworter bezeichnen, da sie auf fast alle Fragen mit Zustimmung reagiert haben. Der höchste erreichte Wert ist 0,4646 also auf der zustimmenden Seite der Enthaltung und der Durchschnitt liegt bei 0,161.
  • Cluster 3 hingegen ist nicht so eindeutig definierbar. Es liegt, mit einem Durchschnitt von 0,28 irgendwo zwischen Cluster 1 und 2. Der größte Unterschied zu den EU-Skeptikern ist die Zustimmung zur These des europäischen Bundesstaats und der größte Unterschied zu den Befürwortern ist die Ablehnung der europäischen Arbeitslosenversicherung. Insgesamt ist diese Gruppe den sozialen Thesen gegenüber eher ablehnend eingestellt.
  • Die proeuropäische Gruppe ist sich unsicher, was die Themen Neue Mitglieder in der EU und Frontex angeht.
  • Anscheinend gibt es mehr oder weniger Konsens darüber, dass die EU die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abbrechen sollte. 😥
  • Die größte Übereinstimmung zwischen allen Gruppen gibt’s bei der Beibehaltung des Euros. 👍
  • Insgesamt sind die Thesen Die EU soll europäische Gemeinschaftsanleihen (Euro-Bonds) einführen und Die EU soll neue Mitgliedsstaaten aufnehmen die beiden strittigsten Punkte der gesamten Umfrage.
  • Das Cluster 2 bildet die größte Gruppe der Befragten, aber die Umfrage ist eben nicht repräsentativ. Trotzdem finde ich das sehr beruhigend.
  • Außerdem könnte man zum Beispiel auch Schlussfolgerungen ziehen wie: Wenn man gegen die Einführung einer europäischen Armee ist, ist man wahrscheinlich auch gegen eine gemeinsame Wirtschaftszone.
  • Die Ergebnisse für das Clustering mit 2 Clustern bringt nicht so unglaublich viele Neuerungen. Das proeuropäische Lager bleibt das Größere (n = 1674) und auch hier bleiben Frontex und neue Mitgliedsstaaten die größten Unsicherheiten.

Ergebnisse des k-Means Clustering für drei Cluster

Ergebnisse des k-Means Clustering für zwei Cluster

And the winner is:

Das wahrscheinlich wichtigste und für mich überraschendste Analyseergebnis hab ich dir bisher vorenthalten. Mit den rund 2500 Antworten kann man nun natürlich feststellen, welche Partei beziehungsweise welche Politik bei den Wähler*innen am besten ankommt. Dazu habe ich einfach alle Antworten der Wähler*innen mit allen Antworten der Parteien nach dem vorgegebenen Schema des Wahl-o-Maten (es gibt ja nicht nur Zustimmung sondern auch „ist mir besonders wichtig“) verglichen:

Falls du dich wunderst, dass hier in der Summe mehr als 2485 Stimmen herausgekommen sind, liegt das daran, dass für jeden ja mehrere Parteien gleichzeitig die beste Wahl sein könnten. Nur kurz zur Erinnerung: Die Partei Mensch Umwelt Naturschutz hat bei der Wahl mit 0,8 ihr bisher bestes Wahlergebnis bei Bundestagswahlen eingefahren. Ihr bestes Ergebnis insgesamt erreichte die Partei 2004 mit 1,3 % interessanterweise bei Europawahlen.

Ich hoffe, du fandest die Auswertung genauso spannend wie ich. Ich würde mich über Feedback jeglicher Art freuen. Falls du Lust hast, dir Fragen für die Europawahl nächstes Jahr mit mir und der JEF auszudenken, dann melde dich doch einfach bei mir.

Ein Kommentar

  1. Dr. Marija Dragica ANDERLE Dr. Marija Dragica ANDERLE

    Danke schön, Daniel. War viel Arbeit! – Was für mich bes. nützlich war, ist der sofortige Vergleich, aber dann auch die Relationen. Das ist im Wahlkampf auch sehr praktisch, weil man die Argumente parat bekommt.

    Bezüglich Themen/Fragen hätte ich für die Europawahl gerne eine Forderung von uns, dass man die geraubten Kulturschätze (maßenhaft von uns Europäern entwendet) an AFRIKA zurückgibt.
    Halte Dich also fit für neue Aufgabe.

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